Sonderausstellung

Mit Schwert und Kreuz
Neue Öffnungszeiten ab Oktober 2022 siehe Besucher-Info

Mit Schwert und Kreuz - Karl der Große - Sachsen und die Eresburg

19. August - 18. Dezember 2022

Im Jahre 772 eroberte Karl der Große die Festung der Sachsen auf dem Eresberg, dem heutigen Obermarsberg und zerstörte die Irminsul, das Nationalheiligtum der Sachsen. Wenige Jahre später ließ er dort eine steinerne Basilika und das Benediktinerkloster errichten. Dieses Ereignis war der Startschuss für die Christianisierung und einen umfassenden Kulturwandel unserer Region. Dieser  karolingische Siedlungsansatz entwickelte sich im 13. Jhd. zu einer Stadt.

Die Ausstellung „Mit Schwert und Kreuz – Karl der Große – Sachsen und die Eresburg“ ist vom 19. August bis 18. Dezember 2022 im Museum der Stadt Marsberg in Obermarsberg zu sehen. Eine Gruppe von Historiker/innen hat die Ausstellung unter Leitung des Museums der Stadt Marsberg konzipiert. Begleitend werden dazu Vorträge und museumspädagogische Programme angeboten.

Die Themen der Sonderausstellung

Um 500 entstand das Fränkische Reich. Dem Merowinger Chlodwig gelang es, rivalisierende fränkische Teilkönige zu besiegen und die alleinige Herrschaft anzutreten. Er und später seine Söhne erweiterten das Reich in mehreren Kriegen. Es umfasste schließlich das Gebiet des heutigen Frankreichs, Belgiens, der Schweiz und reichte im Osten bis nach Thüringen und im Südosten nach Bayern. Die bedeutendsten Teilreiche waren im Osten Austrasien und im Westen Neustrien, die zusammen die Francia bildeten. 

Das Frankenreich im 7. Jahrhundert

Während sich der äußere Einfluss der Merowinger stetig erweiterte, schwand er im Inneren. Im Laufe des siebten Jahrhunderts verlagerte sich die tatsächliche Macht in den Teilreichen zu den so genannten Hausmeiern (Leitern der königlichen Hofhaltung und der Domänen), in deren Familien das Amt bald erblich wurde. Ab 687 regierten die austrischen Pippiniden (Karolinger) faktisch das Gesamtreich, während die teils kindlichen Merowinger – Könige ein Schattendasein fristeten. Großen Ruhm erlangte der Karolinger Karl Martell, ein Sohn Pippin des Mittleren. Er – und nicht der merowingische König – schlug 732 zwischen Tours und Poitiers die aus Spanien vordringenden islamischen Araber. Im Innern des Frankenreiches förderte Karl Martell vor allem den angelsächsischen Missionar Bonifatius, der im päpstlichen Auftrag wirkte. So wuchsen der Einfluss der Karolinger und der Päpste im Frankenreich gleichermaßen.

751/52 schließlich ging die fränkische Königswürde mit Hilfe des Papstes an den Hausmeier Pippin den Jüngeren über, den Vater Karls (des Großen). Pippin setzte den letzten merowingischen König ab, ließ sich von den Franken zum König erheben und drei Jahre später vom Papst salben. Damit galt Pippins Königswürde als Zeichen eines göttlichen Auftrags. 771 fiel die Alleinherrschaft im Fränkischen Reich Karl (dem Großen) zu.

Aufgrund der Größe des Frankenreichs war es nicht möglich, dieses von einem festen Ort aus zu regieren. Karl reiste mit seiner Familie und seinem Gefolge, oft mehrere hundert oder sogar tausend Personen, durch das Reich, um seine Aufgaben als König zu erfüllen, die Treue seiner Grafen und Bischöfe zu kontrollieren sowie die Grenzen seines Reiches mithilfe von Kriegen zu festigen. Die Reisen des Königs warfen große logistische Probleme auf. Das Reisekönigtum war ohne eine funktionierende Kommunikation in Form von Gesandten unmöglich.

Reisen waren beschwerlich, denn feste Straßen gab es kaum. Die Hauptverkehrsstraßen waren einstige Römer- und Staubstraßen. Schiffbare Flüsse sowie Brücken, Fähren und Furten ergänzten das Verkehrsnetz. In Marsberg war das Verkehrsnetz zu Zeiten Karls des Großen gut ausgebildet. Rund um den Eresberg kreuzten sich mehrere Handelswege.

Handelswege

Das heutige Verkehrsnetz orientiert sich größtenteils noch an den Handelsrouten der Karolingerzeit.

Pfalzen waren besonders ausgebaute und befestigte Königshöfe, die dem König und seinem Gefolge zur Unterkunft und Versorgung dienten, z. B. die Karlsburg (Urbs Karoli) im heutigen Paderborn. Der König besuchte die Pfalzen nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch zur Versorgung seiner Familie und seines Gefolges.

In den Reichsannalen wird die Eresburg mehrmals als Aufenthaltsort von Karl erwähnt. Demnach soll er mindestens sechsmal die Eresburg auf seinen Reisen besucht haben und in den Jahren 784/85 dort sogar den ganzen Winter verbracht und das Osterfest gefeiert haben. In der heutigen Forschung wird die Eresburg als eine unvollendete Winterpfalz bezeichnet, in der für den König, seine Familie und sein Gefolge Unterkünfte errichtet wurden.

Mit der fränkischen Eroberung setzte sich in Sachsen die klassische zweigeteilte Grundherrschaft, auch Villikation genannt, durch. In ihrem Mittelpunkt lag ein Salhof (Herrenhof) mit dem dazugehörenden Salland. Dieses wurde mit Hörigen (Eigenleuten) und abhängigen Bauern bewirtschaftet. Den letzteren wurde ein Hof mit Land in der Größe einer Hufe (maximal zehn Hektar) für den Eigenbedarf übertragen. Dafür mussten sie in der Regel drei bis vier Tage pro Woche Fronarbeit auf dem Salhof und Abgaben leisten. Der Grundherr war ebenfalls Schutz-, Gerichts- und Kirchenherr.

Bedeutend waren die Königshöfe. Sie dienten vordringlich der Versorgung des reisenden Königs und seines Hofstaats. Die Verwaltung dieser besonderen Höfe war in der Landgüterverordnung König Karls, im „Capitulare de villis“ (um 795) geregelt.

Unterhalb des Eresbergs entstand im späten 8. Jahrhundert ein Wirtschaftshof, Horohusen. Er und die ihm zugeordneten Höfe des Umlandes versorgten die fränkische Besatzung und das Kloster auf dem Berg. Es ist anzunehmen, dass es sich aufgrund der strategischen Bedeutung der Eresburg und der wichtigen Verkehrslage sogar um einen Königshof handelte.

Die Lebensumstände der Bauern waren auch im Umfeld der Eresberges hart. Instabile Niederschlagswerte, kühle Sommer und kalte Winter, das bewegte Relief und weitgehend unfruchtbare Böden prägten die Landwirtschaft. Nur die Böden auf kalkhaltigem Zechstein auf der Marsberger Hochfläche wurden ackerbaulich genutzt. Von daher ist anzunehmen, dass die Versorgung König Karls und seines Gefolges bei seinen sechs Aufenthalten auf dem Eresberg ein echtes Problem gewesen sein dürfte.

Kupfer aus dem Raum Marsberg

Im Frühmittelalter spielte der Kupferbergbau eine wichtige Rolle in der Region Marsberg. Darauf deuteten schon die Besitzverhältnisse hin. So war die Propstei St. Peter auf dem Berge 785 oder 799 u.a. deswegen gegründet worden, um die Liegenschaften am Eresberg (=Erzberg) zusammenzuhalten und zu verwalten. 826 wurde das Stift Obermarsberg von Kaiser Ludwig dem Frommen der Reichsabtei Corvey geschenkt. In den Metallwerkstätten des Klosters wurden mit Kupfer aus Marsberg Produkte wie Kessel, Töpfe und Pfannen hergestellt.

In den Jahren 1999/2000 bestätigten Ausgrabungen auf dem Areal der ehemaligen Siedlung Twesine (in Niedermarsberg), dass hier schon im 7./8. Jahrhundert Kupfer verhüttet wurde. Die Einbeziehung der Region in das Fränkische Reich führte seit dem späten 8. Jahrhundert zu einer regelrechten Blüte dieses Wirtschaftszweiges.

Die Region Marsberg war für Karl den Großen also nicht nur in politischer und strategischer Hinsicht von besonderem Interesse, sondern in hohem Maß auch wegen ihrer Erzvorkommen.

Kupfererzvorkommen und Kupfererzabbau

In Marsberg befindet sich eines der größten Kupfererzvorkommen Deutschlands. In karolingischer Zeit war die Kupferlagerstätte sogar die einzige aktiv genutzte in Mitteleuropa. Der Abbau erfolgte vom Osthang des Eresberges aus. Hier waren die Erzadern besonders reich und leicht zugänglich. Sie strebten fast senkrecht zur Oberfläche und durchstießen sie an einigen Stellen.

Abgebaut wurden gediegenes Kupfer (Kupfer in Reinform) sowie Malachit und – in geringerem Umfang – Azurit. Die hohe Ergiebigkeit und Reinheit der Erze war eine Besonderheit der Kupferlagerstätte am Eresberg.

Das Kupfererz wurde zunächst in Form eines Schurfes gefördert. Es wurde unmittelbar dort gegraben, wo sich das Erz in Oberflächennähe befand. Dabei entstanden trichterförmige Gruben (sog. Pingen).

Um an tiefer gelegene Erze zu gelangen, legten die Bergleute brunnenartige Schächte an. Sie wurden mit waagerecht eingebundenen Weiden- oder Haselnussruten ausgekleidet und damit gesichert. Die Schächte waren bis zu 45 Meter tief und maßen etwa einen Meter im Durchmesser. Eindringendes Grundwasser stellte auf dem Eresberg kaum ein Problem dar.

Die Schächte wurden mühsam mit Schlägel und Eisen angelegt. Holzkübel oder Körbe beförderten den Abraum und das Erz mit Hilfe von Seilen nach oben. Der Abraum wurde in Halden neben den Erdlöchern gelagert, das Erz zur Verarbeitung abtransportiert.

Kupferverhüttung

Die Gewinnung von Kupfer war in Marsberg wegen der reinen Erze relativ einfach. Das gediegene Kupfer  konnte direkt eingeschmolzen oder ausgeschmiedet werden. Aber auch die Verhüttung von Kupfererz war nicht sehr kompliziert. Dafür wurde außer dem Erz noch Holzkohle benötigt. Sie ließ sich in der waldreichen Umgebung Marsbergs leicht herstellen.

Zuerst wurde das geförderte Erz auf eine einheitliche Stückgröße zerklopft. Dann wurde es zusammen mit der Holzkohle direkt in einen Schachtofen gegeben. Ein vorheriges Rösten war aufgrund der Qualität des Malachits und Azurits nicht notwendig.

Die im Ofen erzielten Temperaturen (ca. 1200 bis 1400 Grad Celsius) genügten, um das Erz des Eresberges im Zusammenspiel mit der Holzkohle zu Kupfer zu verhütten. Dieses schmolz bei 1085 Grad Celsius und sammelte sich am Boden des Schachtofens. Das taube Gestein hingegen (Kieselschiefer, Schmelzpunkt bei über 1700 Grad) blieb beim Verhütten relativ unverändert. Es kam nicht zu einer Schlackenbildung. Am Ende des Verhüttungsprozesses musste der Ofen zerschlagen werden, um an das Metall im Inneren zu gelangen.

Schacht- und Rennöfen

Die Kupfer- und Eisenverhüttung geschah in Schachtöfen. Das waren bis zu zwei Meter hohe birnen- oder konusförmige Gebilde. Sie bestanden aus einem Lehmmantel, der etwa einen halben Meter tief in den Boden eingelassen war. An der Oberseite hatten die Öfen große Abzugslöcher.

Am unteren Ende des Ofeninnenraums befand sich die Feuerstelle zum Anheizen. Deren Belüftung erfolgte durch Blasebälge. Sie führten dem Ofen über Tondüsen Luft zu. Die erzielten Temperaturen reichten von ca. 1200 bis (in seltenen Fällen) maximal 1400 Grad Celsius.

Die Schachtöfen wurden von oben im Wechsel mit Schichten aus Erz und Holzkohle befüllt. Dabei hatte die Holzkohle bei der Kupferverhüttung einen bis zu zehn Mal höheren Anteil. Bei der Eisenverhüttung waren die Anteile von Erz und Holzkohle etwa gleich groß.

Rennöfen sind eine Sonderform der Schachtöfen. Sie wurden in Twesine beim Verhütten von Eisenerz (Hämatit) genutzt. Ein Rennofen ist so angelegt, dass sich die Verunreinigungen des Erzes – vor allem taubes Gestein – während der Verhüttung bei 900 bis 1200 Grad Celsius absetzen und als flüssige Schlacken aus dafür vorgesehenen Öffnungen am Boden rinnen (rinnen=rennen, daher auch der Name der Öfen). Zumeist werden die Schlacken über einen Kanal in eine Auffanggrube vor dem Rennofen geleitet.

Die Siedlung Twesine

Die Siedlung Twesine, etwa 2 km nordöstlich des heutigen Bahnhofs von Marsberg gelegen, war in karolingischer Zeit der Ort, in dem Kupfer und Eisen verhüttet wurde. Die Arbeiten fanden direkt im Dorf statt.

Das Verhüttungs-Gewerbe lohnte sich: Die Einwohner Twesines gehörten einer gehobenen Gesellschaftsschicht an. Das belegen zahlreiche hochwertige Kleinfunde wie z.B. Perlen, Schnallen, Fibeln, Waffen oder Reitzubehör, die bei Grabungen gefunden wurden.

Während der Sachsenkriege blieb Twesine verschont. Nichts weist auf eine gewaltsame Eroberung oder Zerstörung hin. Dies darf als Hinweis darauf gelten, dass der Ort Karl dem Großen etwas bedeutete. Die Produktion von Kupfer und Stahl hatte einen besonderen Nutzen für ihn.

Die Häuser der Siedlung bestanden aus Pfosten, zwischen denen sich mit Lehm verstrichenes Flechtwerk befand – vergleichbar dem späteren Fachwerk. Die Dächer waren wahrscheinlich mit Stroh gedeckt. Insgesamt gab es nur wenige größere Häuser. Das meiste waren kleinere Bauten, die Handwerkern als Unterkunft dienten.

Neben reinen Wohngebäuden gab es eingetiefte Gebäude, sog. Grubenhäuser, die der Vorratshaltung sowie dem Hand- und Hauswerk dienten.

Auch Speichergebäude waren vorhanden. In den sog. Rutenbergen, das waren überdachte, aber zu allen Seiten offene Erntestapelbauten, wurden vor allem Getreide sowie Heu und Stroh gelagert. Da in Twesine auch Tierknochen gefunden wurden, könnten einige der kleineren Gebäude auch als Stall gedient haben.

Wofür wurde das Kupfer benötigt?

Kupfer hatte im Frühmittelalter eine ähnliche Bedeutung wie Eisen. Gerade in der Zeit Karls entstanden Objekte, für die Tonnen von Kupfer benötigt wurden.

Viele Haushaltsgegenstände wie Töpfe und Pfannen bestanden aus Kupfer. Etliche Beschläge, aber auch Schmuckgegenstände wie z.B. Fibeln wurden bevorzugt aus Messing (eine Kupferlegierung mit Zink) hergestellt, ebenso viele liturgische Kultgegenstände wie z.B. Kelche.

Aus Bronze (eine Kupferlegierung mit Zinn) bzw. aus Bronzeblech wurden Kirchentüren, Grabdenkmäler, liturgisches Kultgerät und Taufbecken gefertigt. Besonders eindrucksvolle Exponate aus der Zeit Karls sind die Torflügel der Aachener Pfalzkapelle („Wolfstor“), von denen einer 4,4 Tonnen wiegt.

Besonderen Bronzebedarf hatte das sich ausbreitende Christentum. War ein Gebiet christlich „befriedet“, wurde eine bronzene Glocke aufgehängt – oft als karolingische Glocke bezeichnet. Sie markierte akustisch den Einflussbereich einer Kirche. Häufig wurden Glocken schon vor dem Bau eines Gotteshauses z.B. an den Ast eines Baumes gebunden.  Die damaligen Exponate waren sehr einfach gefertigt. Sie hatten die Form eines Bienenkorbes, wurden im Wachsausschmelzverfahren hergestellt und klangen nicht sehr harmonisch.

Ob im Marsberger Raum Kupfer mit Zinn zu Bronze verarbeitet wurde, ist nicht zu beantworten – ganz ausschließen lässt es sich nicht. Der größte Teil des Kupfers dürfte aber in Form kleiner Barren in das fränkische Hinterland transportiert worden sein.

Eisenerzförderung und Stahlproduktion

Twesine war auch ein Ort der Stahlproduktion. Oberflächennahe Eisenerzvorkommen (Hämatit) in der Umgebung begünstigten das.

Die Eisenverhüttung war in Twesine komplizierter als die Kupferverhüttung. Das Eisenerz musste vor der Weiterverarbeitung in Feuergruben (Röstgruben) bei ca. 700 Grad Celsius geröstet werden. Bei diesem Prozess wurde es von unerwünschten Stoffen gereinigt und mit Sauerstoff angereichert.

Die weitere Verhüttung erfolgte in Rennöfen. Dort setzte sich ein Großteil der Verunreinigungen des Eisenerzes (taubes Gestein etc.) während des Verhüttungsprozesses in Form flüssiger Schlacken bei 900 bis 1200 Grad Celsius ab und rann aus den Öfen.

Das Eisen (Schmelzpunkt bei ca. 1540 Grad Celsius) wurde dagegen nicht heiß genug um zu schmelzen. Das war wichtig, damit sich kein nicht mehr schmiedebares Gusseisen bildete. Stattdessen wurde das Eisenerz in halbfestem Zustand zu einem Eisenprodukt reduziert, das Luppe, (Eisenschwamm, Renneisen) genannt wurde. Es enthielt noch Schlacken und war sehr spröde. Die Luppe wurde als glühender Klumpen aus dem dafür zu zerschlagenden Ofen geholt und mittels eines großen Holzhammers und eines Holzblockes komprimiert. Dadurch wurden Unreinheiten (Schlackenreste, verbliebene Holzkohlteilchen) ausgetrieben, die Zwischenräume im schwammartigen Material zusammengepresst.

Um hochwertiges Schmiedeeisen zu produzieren, wurde das Material erneut erhitzt, ausgeschmiedet und weitere Unreinheiten ausgetrieben, dann gefaltet und verschweißt. Dieser Vorgang wurde mehrfach wiederholt. Die letzten Unreinheiten verteilten sich schließlich fein und gleichmäßig in dem Werkstück. Ein homogener Stahlbarren entstand.

Das Zementationsverfahren, eine Anreicherung des Eisens mit Kohlenstoff kannten die Handwerker in Twesine ebenfalls. Eiserne Stangen wurden dazu mit Holzkohlepulver dicht in Tiegeln oder Kästen aus Stein oder gebranntem Ton geschichtet, luftdicht verschlossen und über einen langen Zeitraum in einem Ofen auf eine Temperatur zwischen 850 und 950 Grad Celsius gebracht.  Dieses „Aufkohlen“ wurde angewendet, wenn der Stahl zu wenig Kohlenstoff enthielt und sich infolgedessen nicht oder nicht richtig härten ließ. Wahrscheinlich wurden in Twesine nicht nur Erze verhüttet, sondern auch Roh- oder Alteisen aufbereitet.

Ob es im Raum Marsberg schon im Frühmittelalter zu einer Weiterverarbeitung des Stahls kam, lässt sich nur mutmaßen. Für die Zeit des Hoch- und Spätmittelalters ist für die Oberstadt allerdings bekannt, dass hier viele Ringpanzerschmiede arbeiteten, die Kettenhemden herstellten. Da handwerkliche Tätigkeiten oft eine lange Tradition haben, könnte ihr Ursprung auch schon in der Metallverarbeitung der Karolingerzeit liegen.

Ein weiteres Indiz wäre die Tatsache, dass die Panzerschmiede aus Marsberg in ihre Kettenpanzer auch Ringe aus Kupfer, Bronze oder Messing einarbeiteten. Damit wurde ein besonderer optischer Effekt erzielt. Diese Eigenart könnte auf eine Ringpanzerproduktion schon vor dem Hochmittelalter hindeuten.

772 eroberte der fränkische König Karl die sächsische Eresburg und zerstörte mit der Irminsul ein bedeutendes heidnisches Heiligtum. Dies war der Auftakt für die über 30 Jahre dauernden Sachsenkriege.

Ab 776 setzte sich bei Karl die Einsicht durch, dass nur eine politische Eroberung und vor allem die Missionierung die Sachsen auf Dauer befrieden konnten. Dabei handelte es sich um die erste Schwertmission der Geschichte. Da die sächsischen Fußkrieger dem fränkischen Heer, vor allem den fränkischen Panzerreitern, militärisch unterlegen waren, führten sie einen Guerillakrieg. Die Sachsen zerfielen in eine Vielzahl von Stämmen, die nur getrennt gegen die Franken kämpften. Diese gingen mit äußerster Brutalität vor. Es erfolgten beispielsweise Zwangstaufen. Ein wichtiges Missionsinstrument wurde das sächsische Taufgelöbnis. Der Täufling musste dem Teufel, allen Teufelswerken und den heidnischen Göttern widersagen. 782 kam es zu einer Massenhinrichtung von aufständischen Sachsen. Karl begann auch mit seiner Deportationspolitik. Vor allem in der berüchtigten „Capitulatio de partibus Saxonae“ zeigte sich die fränkische Vorgehensweise. Es war eine Verordnung, die jeden mit dem Tod bestrafte, der heidnische Riten befolgte und die christliche Religion missachtete, Die Kämpfe ebbten erst ab, als sich der größte Widersacher Karls, der westfälische Adlige Widukind, ergab und taufen ließ,

Nach einer letzten Erhebung der Sachsen (791) erließ Karl 797 eine weitere Verordnung, das „Capitulare Saxonicum“, die die Sachsen in eine neue Ordnung einband. Endgültig endeten die Sachsenkriege 804 im Norden.

In der Folge wurden die Sachsen im weltlichen wie geistlichen Bereich in das fränkische Reich integriert.

Die Eresburg stand vor allem in den ersten Kriegsjahren immer wieder im Fokus der Auseinandersetzungen. Hier wurde die erste Kirche im Sachsenland gebaut und ein kleines Kloster gegründet. Eine wichtige Rolle spielten im Marsberger Raum auch die Kupfervorkommen am Eresberg.

An der Ostwand der Stiftskirche, die in ihren Ursprüngen auf Karl den Großen zurückgeht, ist hinter dem linken Seitenaltar der Kopf Leos III. angebracht. Die Darstellung zeigt den Papst noch mit der Mitra. Erst im 13. Jahrhundert wird der Papst mit der Tiara dargestellt. Daraus lässt sich schließen, dass der Kopf Leos mit dem Umbau der Basilika zur frühgotischen Hallenkirche (1250) hier seinen Platz fand. Er könnte aber noch älter sein. Er ist ein Zeichen für die Überzeugung der Menschen, dass Papst Leo III. hier am Ort war.

Kopf Leo III. aus der Stiftskirche

Direkt am Eingangsbereich des Kirchenbezirks zu der Stiftskirche, dem ehemaligen Kloster und dem Friedhof haben die Benediktinermönche im oberen Teil des Benediktusbogens die Tiara des Papstes, heute leider schon stark verwittert, anbringen lassen als stete Erinnerung an den Besuch Leos III.

Tiara im Benediktusbogen

Am 2. Weihnachtstag 795 wurde Leo zum Papst gewählt. Seine Herkunft liegt im Dunkeln und er galt als Aufsteiger und Emporkömmling. Von Anfang hatte er mit einer starken Opposition aus alten römischen Adelsfamilien zu kämpfen. Ende April 799 verübte diese Gruppe ein Attentat auf ihn, setzte ihn gefangen, beschuldigte ihn des Ehebruchs, des Meineids und der Habgier und enthob ihn seines Amtes. Mit Hilfe seines Kämmerers Albinus gelang ihm die Flucht, und unter dem Schutz der Königsboten Karls des Großen gelangte er nach Paderborn. Karl empfing ihn mit allen Ehren. Im Herbst ließ er ihn nach Rom zurückführen und setze ihn wieder in sein Amt ein. Ende des Jahres 800 zog Karl selbst nach Rom und berief ein Konzil ein, auf dem er die Aufständischen zur Rechenschaft zog, und, da sie keine Beweise für ihre Beschuldigungen vorlegen konnten, zum Tode verurteilte. Auf Bitten Leos wurden sie jedoch zu lebenslangem Exil begnadigt.

Am 1. Weihnachtstag krönte Leo III. Karl während der Messfeier zum römischen Kaiser. Leo starb im Jahre 816.

Verwandte, Freunde und Getreue bestimmten das Leben der Menschen im Mittelalter. Das Leben der königlichen Familie fand in der Öffentlichkeit statt, es gab nur wenig Raum für Privatheit.

Eheschließungen waren im Adel ein wichtiges Mittel zur Sicherung der Herrschaft. 771 heiratete Karl die schwäbische Adelige Hildegard. Sie brachte wichtige politische Verbindungen mit in die Ehe. Königin Hildegard begleitete ihren Mann die nächsten zwölf Jahre bis zu ihrem Tod 783. In dieser Zeit gebar sie ihm neun Kinder.

Ihre ostfränkische Nachfolgerin Königin Fastrada lebte 785 für einen längeren Zeitraum mit den königlichen Kindern auf der Eresburg. Sie setzte als „Mitregentin“ während der Feldzüge konsequent die Anordnungen Karls durch und spielte so eine wichtige politische Rolle.

Wahrscheinlich wohnte Karl mit seiner Familie auf der Eresburg an der Stelle des späteren Klosters neben der Peterskirche.

Die alemannischen Adelige Liutgard heiratete Karl, als ihn Papst Leo III. 799 in Paderborn aufsuchte. Als sie ein Jahr später starb, verzichtete Karl auf weitere Eheschließungen. Von einigen seiner Konkubinen sind die Namen bekannt. Damit entsprach Karls Liebesleben in keiner Weise der christlichen Eheauffassung (Matthias Becher). Karl mochte die Frauen, doch größer war seine Liebe zu seinen mindestens achtzehn Kindern.

Ein zentrales Anliegen Karls des Großen war eine umfassende Bildungsreform. Nach Karls Vorstellungen sollten die Schüler der Klosterschulen lesen und schreiben lernen. Von der Förderung der Lateinkenntnisse der Geistlichen versprach Karl sich eine Verbesserung der Reichsverwaltung. In seiner Zeit nahm die Zahl der Skriptorien in den großen Klöstern zu. Die Aufgabe der dort tätigen Schreiber war es, biblische Texte abzuschreiben. In langwieriger Arbeit entstanden dabei prachtvolle Handschriften mit aufwändigen Buchmalereien. Mit der Reform der Schrift sollte die Schrift vereinheitlicht und vereinfacht werden.  Die Einführung der sogenannten karolingischen Minuskel war dafür ein wichtiger Schritt. Neu waren dabei die Kleinbuchstaben sowie die Trennung der einzelnen Wörter.

Aus verschiedenen Teilen Europas kamen Gelehrte an den Aachener Hof Karls. Der bekannteste unter ihnen war Alkuin. Die Alkuin-Bibel sollte der maßgebliche Bibeltext im Mittelalter werden.  Alkuins Nachfolger Einhard war Karls Biograph. Karl war sehr interessiert an Astronomie und an der Berechnung der Zeit. Der Reichskalender, in dem die Zeit nach Christi Geburt gezählt wurde, hat Auswirkungen bis heute. Neben der Bildungsreform war für Karl auch die Reform des Münzwesens ein Versuch, das Frankenreich durch Vereinheitlichung äußerer Bedingungen leichter regieren zu können.

Mit dem Ende der Sachsenkriege verlor auch die Eresburg an Bedeutung, sie wurde Kloster Corvey geschenkt. Es gelang nicht, die Eresburg zu einem herrschaftlichen oder religiösen Zentrum auszubauen. Sie war nur noch von Bedeutung, wenn es wie 915 zu Herrschaftsstreitigkeiten an der Grenze kam. 938 endete der Aufstand Thankmars gegen seinen jüngeren Halbbruder König Otto I. mit Thankmars Ermordung in der Peterskirche auf dem Eresberg. Eine militärische Bedeutung erlangte die Burg erst wieder im Dreißigjährigen Krieg.

Die Sachsen waren beim Tod Karls des Großen vollständig in das Frankenreich integriert. Die Gründung von Kirchen und Klöstern sorgte sowohl für die herrschaftliche als auch die religiöse Durchdringung des Raums. Reste sächsischer Kultur finden sich seitdem nur noch in Volksrechten und Brauchtum.

Ganz anders ging man in den folgenden Jahrhunderten mit der Erinnerung an Karl den Großen um. Die Abstammung von Karl diente in Europa der Legitimation adeliger Herrschaft Kaiser Otto III., Friedrich Barbarossa und sein Enkel Friedrich II. verehrten ihn öffentlich. Es entstanden Legenden und Sagen um ihn.

Diese wachsende Verehrung und Instrumentalisierung begegnet auch in den Karlsbildern. Es finden sich Kopfskulpturen Karls und Leos in der Obermarsberger Peterskirche. Auch die Nikolaikirche in Obermarsberg besitzt eine Darstellung. Karl wurde zu einer schützenden Figur des idealen Herrschers.

Das späte Mittelalter und die beginnende Neuzeit hoben Karl als Reichsstifter in den Vordergrund. Die Gegenreformation benutzte Karl für die Darstellung des Glaubenskriegers, das 19. Jahrhundert erklärte Karl zum Deutschen, die Nationalsozialisten zum „Sachsenschlächter“. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte man Karl dann zum Europäer. Der Aachener Karlspreis würdigt die Bemühungen um europäische Verständigung.

Karl der Große – eine unvollendete Geschichte, die jede Generation neu für sich entdecken kann.